Palmöl für die Ökoflieger?

Kerosin – auch als Flugturbinentreibstoff bezeichnet – stellt ein farbloses, leicht riechendes, flüssiges, gesundheitsschädliches und umweltschädliches Kohlenwasserstoffgemisch dar. Die Hauptbestandteile des Kerosins sind Alkane, Cycloalkane und aromatische Kohlenwasserstoffe sowie Zuschlagstoffe wie z.B. polysubstituierte Phenole, Dinonylnaphthylsulfonsäure, Disalicyliden-1,2-diaminopropan, Diethylenglycolmonomethylether und (bei Bedarf) zusätzlich Chlormethylisothiazolinon, Methylisothiazolinon oder Octylisothiazolinon. Hergestellt wird Kerosin durch einen Fraktionierschnitt aus dem Mitteldestillat der Erdölraffination. Bei der Verbrennung von einem Liter Kerosin werden – neben Stickoxiden, Kohlenmonoxid, Schwefeldioxid, unverbrannten Kohlenwasserstoffen, Feinstaub sowie ultrafeinen Rußpartikeln 2,76 kg Kohlendioxid (CO2) emittiert.

Kerosin ist für gewerbliche Luftfahrtunternehmen weder dem deutschen Mineralölsteuergesetz (bzw. der Energiesteuer) noch der Ökosteuer unterworfen. Somit ist der kommerzielle Kerosinverbrauch hierzulande (bisher) steuerfrei, obwohl die EG-Energiesteuerrichtlinie (2003/96/EG) vom 27. Oktober 2003 die Möglichkeit zur Einführung einer Steuer auf Turbinenkraftstoff für kommerzielle Inlandsflüge einräumt. Aufgrund der fehlenden Kerosinbesteuerung verringert sich der Anreiz für Fluggesellschaften, moderne, verbrauchsärmere Flugzeuge einzusetzen wesentlich. Der entstehende Steuerausfall belief sich in Deutschland im Jahr 2012 auf 7,1 Milliarden Euro. Dies stellt eine der größten umweltschädlichen Subventionen dar, die aktuell in der Bundesrepublik stattfinden.

Der weltweite Kerosinverbrauch – und damit verbunden der Schadstoffausstoß – ist in den vergangenen Jahren dramatisch (weiter) gestiegen: Waren es im Jahr 2005 noch 257 Milliarden Liter Kerosin, die weltweit verfeuert wurden, ist die Menge bis zum Jahr 2018 um 38,5 % auf 356 Milliarden Liter gewachsen. Für das laufende Jahr 2019 wird laut IATA sogar mit einem Verbrauch von 367 Milliarden Liter Kerosin gerechnet. Hierbei wird dann mehr als eine Milliarde Tonnen klimaschädliches CO2 in die Atmosphäre ausgestoßen! Scheinbar gilt das Motto: „Fliegen für den Klimawandel

Die politische Debatte um den Klimaschutz hat in der zurückliegenden Woche deutlich an Fahrt aufgenommen (vgl. HA, 09.02.19). Beide Hamburger Regierungsparteien haben sich – unabhängig voneinander – prominent zu Wort gemeldet (vgl. NDR 04.02.19, NDR 06.02.19):

Im Strategiepapier „Grün in Führung gehen – Hamburg als klimaneutrale Stadt 2050“ von Katharina Fegebank, Jens Kerstan und Anjes Tjarks wird klar erkannt, dass – um die negativen Folgen des Klimawandels für unsere Welt beherrschbar zu halten – wir die dafür zwingend notwendigen Einsparungen an Treibhausgasemissionen nur dann erreichen, wenn wir unseren Lebensalltag verändern. Konkret heißt dies für jede(n) einzelne(n) die Art, wie wir uns fortbewegen, wie wir wohnen und wie wir konsumieren. In dem Strategiepapier wird richtigerweise darauf verwiesen, dass der drastische Anstieg der CO2-Emissionen im Flugverkehr binnen einer Dekade eine wesentliche Ursache darstellt, weshalb der CO2-Ausstoß insgesamt steigt, statt zu sinken.

Mit reichlich Wunschdenken versehen ist jedoch der massentaugliche Einsatz von Elektroflugzeugen in der kommerziellen Luftverkehrswirtschaft; sogar kontraproduktiv anzusehen ist die Idee sogenanntes „Biokerosin“ als Turbinentreibstoff zu verwenden. Letzteres enthält zu einem erheblichen Anteil Palmöl.

Hintergrund: Im Jahr 2017 importierte Deutschland 1,4 Millionen Tonnen Palmöl und Palmkernöl: 44 % der Palmölimporte (konkret 618.749 t) wurden für energetische Zwecke eingesetzt, davon 445.319 t Palmöl (entsprechend 72 %) für die Produktion von Biodiesel. Die fehlgeleitete erneuerbare Energien Politik von Deutschland und der EU (EEG 2017) ist damit eine wichtige Ursache der Regenwaldabholzung. Die weltweite Palmölproduktion findet mittlerweile auf mehr als 27 Millionen Hektar Land statt. Auf einer Fläche so groß wie Neuseeland mussten Regenwälder mitsamt ihrer Lebewesen der Agrarindustrie weichen.

Hamburgs Erster Bürgermeister, Peter Tschentscher, setzt beim „Klimaschutz“ auf Wissenschaft und Technologie statt auf Verbote und Regulierungen; im Interesse der Wirtschaft und einer modernen Lebensart.

Vor dem elitären Hamburger Übersee-Club hielt er eine Rede mit dem Titel „Zukunftsstadt Hamburg – Chancen des technologischen Fortschritts“. Den Klimaschutz sieht er als „weltweiten Trend. Viele Verkehrsfragen, die sich in einer wachsenden Metropole stellen, können seiner Ansicht nach digital – smart – beantwortet werden. Wenigstens erkennt er an, dass die langfristige Erderwärmung dadurch verursacht wird, dass wir in erdgeschichtlich kurzer Zeit von wenigen Jahrzehnten große Mengen Kohlenstoff freisetzen, der über viele Millionen Jahre in fossilen Rohstoffen angereichert und gespeichert wurde, als Erdgas, Erdöl und Kohle. Je höher die Konzentration dieses Gases (CO2) in der Atmosphäre ist, desto stärker wird die Wärmeabstrahlung reflektiert. Mit anderen Worten: Hohe Konzentrationen an Kohlendioxid verringern die Wärmeabstrahlung und führen damit zu einer fortschreitenden Erwärmung auf der Erde.

Klugerweise weist Herr Tschentscher auf die bereits getroffenen Vereinbarungen zum Klimaschutz hin: „Bei der UN-Klimakonferenz in Paris im Dezember 2015 einigten sich 197 Staaten auf ein globales Klimaschutzabkommen, das mittlerweile 180 Staaten ratifiziert haben. Die gesamte Europäische Union und Deutschland gehören dazu. Das Abkommen sieht vor, die Erderwärmung im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter auf unter zwei Grad Celsius zu begrenzen. Aus diesem Grund haben wir uns in Hamburg ehrgeizige Ziele gesteckt. Bis 2030 wollen wir den CO2-Ausstoß gegenüber 1990 halbieren. Das sind rund 10 Millionen Tonnen CO2 weniger. 2050 soll der CO2-Ausstoß nur noch ein Fünftel betragen. Auch Deutschland insgesamt hat sich darauf verpflichtet, seine CO2-Emissionen bis 2030 mindestens zu halbieren.

Seine Einsicht reicht aber noch weiter: „Die politischen und ökonomischen Konsequenzen sind groß. Aufgrund des öffentlichen Bewusstseins zur Bedeutung des Klimaschutzes wird es in naher Zukunft zu einem hohen politischen Druck kommen, die Klimaziele durch ein schärferes Vorgehen gegen CO2-Emissionen eben doch zu erreichen. Man muss kein Prophet sein, um vorherzusagen, dass dies am Ende durch einen stärkeren ökonomischen Druck auf die Verursacher von CO2-Emissionen erreicht werden soll, zum Beispiel durch eine zusätzliche Steuer oder Abgabe.

Dann erfolgt jedoch (die politische) und damit verbunden auch inhaltliche Kehrtwende: „Klimapolitik darf nicht wachstumsfeindlich sein, sondern muss auf Innovationen und neue Technologien setzen. Wir müssen uns so aufstellen, dass wir trotz Klimaschutzes wachsen können und dadurch die wirtschaftliche Kraft entwickeln, den technologischen Fortschritt umzusetzen. Verbote, Beschränkungen und Regulierungen sind nicht der Kern der Lösung. Ich bin sicher, dass die Bürgerinnen und Bürger ihr Leben weiterhin frei gestalten wollen und nicht akzeptieren, wenn die Politik ihnen dazu Vorschriften macht. Wir sehen das derzeit bei den Gelbwesten-Protesten in Frankreich“ … „Es kommt nicht darauf an, immer neue Forderungen zur CO2-Reduzierung aufzusatteln und diese mit apokalyptischen Szenarien zu untermauern.

Etwas zugespitzt lautet sein Credo daher „Freien Flug für freie Bürger“. Schade, fast hätte man ihm abnehmen können, dass es ihm ernst sei mit dem Klimaschutz …

P.S.: Woher Herr Tschentscher folgende Sätze für sein Redemanuskript bekommen hat, muss nicht lange überlegt werden: „Seit Jahrzehnten reduziert die Luftfahrtbranche systematisch den Energiebedarf der Flugzeuge. Mit jeder neuen Generation sinkt der Verbrauch um bis zu 25 Prozent. Der A380 ist bereits deutlich günstiger als frühere Großraumflugzeuge und benötigt 3 Liter Kerosin pro Passagier auf 100 km. Der A320 Neo kommt bereits mit 2,2 Liter aus“. Schade, dass hier (anscheinend) der kommerzielle Flughafenbetreiber (Flughafen Hamburg GmbH – FHG) erneut nur sehr sektorale Sichtweisen an die ohnehin geneigten Zuhörer*innen übermitteln lässt.

Fakt ist jedoch, dass (1) die Schadwirkung des verbrannten Kerosins in der bevorzugten Flughöhe von 9.000 – 13.000 Meter um den Faktor 1,8 bis 3,5 (4,0) höher ist, als auf Meereshöhe, (2) die obigen Kerosinverbräuche nur für vollbesetzte Maschinen gelten, (3) der A380 ein Auslaufmodell darstellt, (4) von den moderneren, etwas weniger lauten und etwas weniger Kerosin verbrauchenden Flugzeugen à la AirbusNeo, BoeingMax und Bombardier C-Serie nur sehr wenige Maschinen (ca. 1 % des Gesamtflugverkehrsaufkommens am innerstädtisch gelegenen Helmut Schmidt-Airport) regelmäßig am Hamburger Verkehrsflughafen vorbei schauen und (5) der Ansatz „Kerosinverbrauch pro Passagier“ ungeeignet ist, um den Gesamtkerosinverbrauch (s.o.) – und damit verbunden die Klimarelevanz der Umherfliegerei – angemessen abzubilden.

Bildnis: Albrecht Dürers apokalyptische Reiter, Holzschnitt, 1498

 

Richtigstellung

Am 10. Oktober 2017 veröffentlichte der Arbeitskreis „Luftverkehr“ des BUND-Landesverbandes Hamburg seine Auswertungen über die Belastungsentwicklung, verursacht durch den Betrieb des innerstädtisch gelegenen Verkehrsflughafens „Helmut Schmidt“. Kernpunkte stellen die quantitativen und qualitativen Ergebnisse zur Missachtung des offiziellen Betriebsendes von 23 Uhr dar: Von insgesamt 273 Nächten im Zeitraum Januar bis September 2017 fanden lediglich in 48 Nächten keine Flugbewegungen – verursacht durch Linien- und Touristikflieger – statt. Dies entspricht einer Einhaltungsquote der Nachtflugbeschränkungen von nur 17,6 %. Anders ausgedrückt: In den ersten neun Monaten dieses Jahres wurden in acht von zehn Nächten die Nachtflugbeschränkungen umgangen. Alarmierend ist, dass es in den vergangenen drei Monaten nur in zwei Nächten (4. Juli und 4. September) keine Starts und Landungen nach 23 Uhr gegeben hat! Das Regel- / Ausnahmeverhältnis steht (weiterhin) Kopf. Richtigstellung weiterlesen

Entgelt(un)ordnung

Auf die Schriftliche Kleine Anfrage „Umsetzung 16-Punkte-Plan: Neue Entgeltordnung am Hamburg Airport?“ (Drucksache 21/8809) der SPD-Abgeordneten Dr. Andreas Dressel, Monika Schaal und Dorothee Martin sowie der GRÜNEN-Abgeordneten Dr. Anjes Tjarks und Ulrike Sparr vom 21. April 2017 antwortet der regierende Senat – auf der Grundlage von Auskünften der kommerziellen Flughafen-Betreibergesellschaft (FHG), d.h. des Zustandsstörers – dahingehend, dass ein wesentliches Instrument zur Erreichung des Ziels, den Lärmschutz für die von Fluglärm betroffenen Anwohnerinnen und Anwohner stetig zu verbessern, das Setzen finanzieller Anreize für den „Einsatz besonders lärmarmer Flugzeuge“ und für die „Vermeidung der sensibleren Tagesrandzeiten bei der Flugplanung“ sei. Anlass, sich die neue Entgeltordnung insbesondere auf ihre Zielgerichtetheit genauer anzusehen … Entgelt(un)ordnung weiterlesen

Schicht im Schacht

Schlaf ist ein Zustand der äußeren Ruhe. Gesichert ist, dass Menschen schlafen müssen, um zu überleben. Das individuelle Schlafbedürfnis eines Erwachsenen schwankt zwischen sechs und zehn Stunden. Es folgt ungefähr einer Normalverteilung, d.h., dass die meisten Menschen acht Stunden pro Nacht benötigen. Ein extremes Schlafbedürfnis tritt bei Säuglingen auf, bei denen täglich 14 bis 17 Stunden Schlaf für ihre gesunde Entwicklung erforderlich sind. Bedeutsam ist, dass das persönlich unterschiedlich ausgeprägte Schlafbedürfnis konstitutionell vorgegeben ist, d.h. nicht willentlich ausgeschaltet oder längerfristig ignoriert werden kann, ohne dass der Organismus Schaden erleidet. Als Schlafmangel bezeichnet man den kumulativen Effekt von zu wenig Schlaf. Schlafmangel kann zu mentaler oder physischer Müdigkeit führen und entsprechend die Leistungsfähigkeit reduzieren. Schlafentzug ist das gewollte oder ungewollte Verhindern des Schlafens. Schlafmangel und Schlafentzug beeinträchtigen das Immunsystem und beeinflussen negativ den Stoffwechsel. Gezielter Schlafentzug ist eine verbreitete Foltermaßnahme (Quelle: Wikipedia). Schicht im Schacht weiterlesen

Ansichtssache ?

Mit dem einleitenden Text der Schriftlichen Kleinen Anfrage (SKA 21/7505) der Abgeordneten Dr. Andreas Dressel (SPD), Dr. Monika Schaal (SPD) sowie Dr. Anjes Tjarks (GRÜNE) und Ulrike Sparr (GRÜNE) zum Thema „Stärkung des Fluglärmschutzes“ vom 11.01.17 wird das mangelhafte bis ungenügende Problembewusstsein innerhalb der beiden Hamburger Regierungsparteien deutlich:

 „Mit strengen Nachtflugbeschränkungen, Lärmkontingentierung, dem lärmabhängigen Lande(s)entgelt, dem Bau der Lärmschutzhalle für Probeläufe großer Flugzeuge, mit lärmoptimierten An- und Abflugrouten, festgelegten Bahnbenutzungsregeln und durch immer weitere Reduzierung von lautem Fluggerät, aber auch durch bestimmte betriebliche Regelungen für Abläufe am Boden gelingt es dem Senat, den Fluglärm zu begrenzen“

Außer der (leicht korrigierten) Rechtschreibung stimmt am obigen Absatz inhaltlich nahezu nichts!

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