Mangelnde Flugscham

Laut Deutscher Flugsicherung GmbH (DFS) fanden 2018 im deutschen Luftraum so viele Flüge wie noch nie statt. Insgesamt waren es 3.346.448 Stück, die von der DFS registriert wurden; eine Steigerung um 4,2 % gegenüber 2017. Auch die Anzahl der Starts und Landungen an den deutschen Verkehrsflughäfen hat sich weiter erhöht: An den 16 international tätigen Flughäfen im Lande wurden im vergangenen Jahr insgesamt 2.129.744 Starts und Landungen durchgeführt. Der verkehrsreichste Tag war der 7. September 2018 mit 11.024 Flugbewegungen; auch das ist ein neuer Allzeitrekord – leider keiner, über den sich ein klimaschutzbewusster Mensch freuen kann …

Es gibt es keine andere menschliche Aktivität, die in so kurzer Zeit so viele Emissionen verursacht, wie die Luftfahrt: Mittlerweile absolviert jede Hamburgerin und jeder Hamburger (vom Säugling bis zum Greis) pro Jahr (statistisch) 5,6 Flüge à 1.088 km. Hierbei werden pro Person 1.820 kg CO2 ausgestoßen. Bei aktuell 1.835.000 Einwohnern Hamburgs macht dies 3.339.700 Tonnen CO2-Ausstoß pro Jahr (rund 3,4 Mio. t CO2/a). Dies sind 40 % dessen, was das Steinkohlekraftwerk in Hamburg-Moorburg jährlich bei Volllast emittiert. Allerdings: Unter Volllastbetrieb (7.500 Betriebsstunden pro Jahr mit 100 % Nutzleistung) wird das Kraftwerk nur selten betrieben. Dies bedeutet, dass beim Klimaschädlichkeitsvergleich „Fliegen vs. Kraftwerk“ das Fliegen noch schlechter abschneidet. Da es sich bei 70 % der Flüge um sogenannte „Freizeitflüge“ handelt, wird deutlich, wie folgenschwer die preisgetriebene Vielfliegerei – verursacht durch den Betrieb des innerstädtisch gelegenen Helmut Schmidt-Airportsfür die (negative) Hamburger Klimabilanz ist.

Soweit, so schlecht. Mit tatkräftiger Unterstützung der Haupteigentümerin, der Genehmigungs- und „Kontroll“behörde sowie des Bezirksamtes Nord plant der kommerzielle Flughafenbetreiber (Flughafen Hamburg GmbH – FHG), den bestehenden Flaschenhals der Flughafenkapazität – die Flughafensuprastruktur – wesentlich zu erweitern. Für einen umfassenden Vorbau an den Terminals 1 und 2, der neu zu errichtenden Abfertigungs-Pier Süd sowie einem Satelliten-Terminal auf dem Vorfeld will die FHG in den kommenden Jahren insgesamt ca. 500 Mio. Euro investieren; finanziert über die Nutzungsentgelte, die die Fluggesellschaften zu entrichten haben. Insbesondere soll die Anzahl an Flugsteigen (Gates) von derzeit 34 auf 56 steigen.

Pro bestehendem Flugsteig werden derzeit ca. 500.000 Passagiere pro Jahr abgefertigt. Bei einer Steigerung der Anzahl an Flugsteigen um 22 Stück ist daher mit bis zu ca. 11 Mio. zusätzlicher Passagiere pro Jahr zu rechnen. Die FHG selbst rechnet mit insgesamt 26 Mio. Passagieren für das Jahr 2035. Dies entspräche einer Steigerung der Passagierzahl gegenüber 2018 um ca. 9 Millionen. Mehr Passagiere bedeuten – trotz einer angenommenen Steigerung der Passagierzahl pro Flug – mehr Flugbewegungen, d.h. (noch) mehr Fluglärm und Flugdreck.

Die FHG versucht dagegen immerdar das Märchen von der Komfortsteigerung für die Passagiere als Triebfeder für den Flughafenausbau zu verbreiten. Jedoch: Wer investiert 500 Mio. Euro, nur damit die „Servicequalität im Wettbewerb“ steigt?

Mit dem Hamburger Klimaplan vom Dezember 2015 sollen die Anstrengungen Bemühungen für den Klimaschutz verstärkt werden. Hierzu hat der rot-grüne Senat diverse (neue?) Maßnahmen zur CO2-Minderung beschlossen. Bis zum Jahr 2030 will die Stadt den CO2-Ausstoß im Vergleich zu 1990 halbieren. Zwei Millionen Tonnen CO2 will Hamburg bis 2020 jährlich vermeiden. Zur Erinnerung: Im Jahr 2013 soll der Hamburger CO2-Ausstoß insgesamt bei 17,7 Millionen Tonnen gelegen haben.

Zum Thema „Verkehr“ ist im Klimaplan Folgendes enthalten: „Der Verkehr hat einen Anteil von 24 % am Endenergieverbrauch und den Hamburger CO2-Emissionen (Verursacherbilanz 2013, Statistikamt Nord). Damit der Verkehr trotz steigender Verkehrsleistung einen angemessenen Beitrag zu den Klimaschutz- und Energieeinsparzielen leistet, setzt der Senat im Handlungsfeld Mobilität auf die erheblichen Potenziale durch Nutzung effizienter und neuer Technologien, die Implementierung innovativer, intermodaler und auf ein sich veränderndes Mobilitätsverhalten gerichteten Angebote sowie Änderung des Modal Split. Der Senat fördert die Veränderung von Rahmenbedingungen zugunsten einer nachhaltigen klimagerechten Mobilität in allen Verkehrsbereichen.“ Direkt zum Luftverkehr findet sich lediglich der kryptische SatzDer Luftverkehr wird auf der Grundlage von erzielten Fortschritten auf internationaler Ebene klimafreundlich ausgestaltet sein“ – mehr nicht.

Wie der jetzige Flughafenausbau – verbunden mit den Emissionssteigerungen – zu den Zielen des Hamburger Klimaplans passen soll, ist mehr als fraglich. Die kurzfristige Befriedigung des preisgetriebenen Mobilitätsinteresses im Luftverkehr darf nicht länger Leitlinie des Hamburger Senats sein. Deutlich mehr Flugscham –begründet in der ökologischen Verwerflichkeit von Flugreisen ist angezeigt; dann klappt es auch mit den Klimaschutzzielen!